Vom Studium in den passenden Beruf

Vor einiger Zeit habe ich mein Studium mit dem Bachelor abgeschlossen – mit guten Noten und viel positivem Feedback von den Professoren. Seitdem nehme ich in einem großen Unternehmen an einem Trainee-Programm teil. Was ich dort mache, entspricht allerdings überhaupt nicht meinen Interessen. Ich hatte gehofft, wenigstens nach der Trainee-Zeit eine attraktive Stelle zu bekommen. Am liebsten würde ich etwas mit Marketing machen. Diese Perspektive gibt es in der Firma in den nächsten drei Jahren aber definitiv nicht. Deshalb überlege ich jetzt, ob ich nicht lieber kündigen soll.

Auf meine Frage nach einem Praktikum oder Erfahrungen im Marketing erklärte die junge Frau, dass sie das Studium nicht durch Praktika hatte verlängern wollen. Außer einigen Studenten-Jobs habe sie bislang keine Berufserfahrung. Im Studium habe ihr eigentlich alles gut gefallen. Sie könne sich auch vorstellen, irgendetwas mit Personalwirtschaft zu machen. Wichtig sei nur, dass es eine spannende Aufgabe sei.

Zwei Irrtümer …

Diese Aussagen machen zwei Irrtümer von Hochschulabsolventen deutlich.

Irrtum 1: „Ich muss mich im Studium noch nicht mit zukünftigen Arbeitsfeldern beschäftigen und brauche deshalb auch keine Praktika.“ Stattdessen wird das Studium möglichst schnell in der vorgesehenen Zeit „durchgezogen“. Immer wieder erlebe ich im Karrierecoaching, wie enttäuscht die Coachees sind, wenn sie feststellen, dass Arbeitgeber diese Entscheidung nicht honorieren. Der Abschluss alleine ist noch keine Eintrittskarte in den Beruf. Viel wichtiger sind die praktischen Erfahrungen. Je mehr ein Bewerber davon vorweisen kann, desto größer sind seine Chancen auf Arbeitsmarkt.

Irrtum 2: „Ich kann alles – es muss nur spannend sein!“ Eine derartige Aussage im Bewerbungsschreiben wird keinen Arbeitgeber überzeugen. Im Gegenteil: Solche Bewerbungen werden einfach aussortiert. Auch wenn es mühsam ist: Bevor ich mich bewerbe, muss ich herausfinden, welches meine Stärken und Fähigkeiten sind, welche Aufgaben ich übernehmen möchte und was das Unternehmen bieten müsste, damit es für mich ein attraktiver Arbeitgeber wäre.

… und drei Lösungsschritte

Zurück zu meiner Coachee. Wir erarbeiteten drei Lösungsschritte.

Lösungsschritt 1: Klarheit schaffen. Meine Coachee stellte eine Liste mit Aufgaben und Projekten zusammen, die ihr im Studium besonderen Spaß gemacht hatten. Gemeinsam erarbeiteten wir, welche Fähigkeiten sie dabei einsetzen und welche Stärken sie entwickeln konnte. Wir erörterten auch, inwieweit sich in den Projekten persönliche Kontakte ergeben hatten, die sie für die Arbeitssuche nutzen konnte.

Lösungsschritt 2: Die Zeit als Trainee nutzen. Wer eine Arbeitsstelle ohne wichtigen Grund kündigt, bekommt in der Regel eine mehrmonatige Sperrfrist von der Agentur für Arbeit und damit kein Arbeitslosengeld. Wer die Zeit finanziell nicht selbst überbrücken kann, wird gegebenenfalls zum Hartz-IV-Empfänger. Das ist keine gute Ausgangsposition, um nach einer neuen Stelle zu suchen. Für meine Coachee war es deshalb besser, die Zeit als Trainee gezielt dafür zu nutzen, Berufserfahrung zu gewinnen und die eigenen Stärken weiter auszubauen.

Lösungsschritt 3: In aller Ruhe nach neuen Perspektiven Ausschau halten. Wer seine Interessen und Vorlieben, seine Stärken und Fähigkeiten benennen kann und als Trainee verschiedene Bereiche eines Betriebs zumindest für einige Monate kennengelernt hat, ist für die Suche nach der ersten richtigen Arbeitsstelle gut gerüstet. Wer weiß, was er möchte, kann sich gezielt auf den Weg machen. Und findet vielleicht sogar im Trainee-Unternehmen Menschen, die ihn bei der Weiterentwicklung unterstützen können.

Meine Coachee nutzte die Trainee-Zeit, um mit meiner Unterstützung eine passende Bewerbungsstrategie zu entwickeln. Erfolgreich, wie sich zeigte, denn mittlerweile hat sie ihren Traumjob gefunden.