Zeugnisse, Referenzen, soziale Netzwerke

„Ich suche eine neue Stelle, obwohl ich noch bei meinem bisherigen Arbeitgeber tätig bin. Kann ich mich auch ohne aktuelles Arbeitszeugnis bewerben?“ Das werde ich oft von Klienten in der Karriereberatung gefragt. Natürlich kann man das.

Aus guten Gründen noch kein Zeugnis

Auf ein sogenanntes qualifiziertes Arbeitszeugnis hat jeder Beschäftigte Anspruch, der entsprechend lange in einem Unternehmen tätig war. Wenn das Zeugnis beim Absenden einer Bewerbung um eine neue Stelle noch nicht vorliegt, kann das mehrere Gründe haben:

  • Das Beschäftigungsverhältnis noch nicht beendet. Das Arbeitszeugnis wird üblicherweise erst nach dem Ausscheiden erstellt. Bewirbt man sich aus einer laufenden Beschäftigung heraus, kann kein aktuelles Zeugnis vorliegen.
  • Arbeitnehmer und Arbeitgeber streiten sich, häufig auch vor Gericht, über die Aussagen im qualifiziertes Arbeitszeugnis. Manchmal fehlen notwendige Angaben, manchmal vermuten Beschäftigte einen versteckten Zeugniscode hinter den Formulierungen. Solange der (Rechts-) Streit andauert, liegt ebenfalls kein aktuelles Zeugnis vor.
  • Ehemalige Vorgesetzte und Personalabteilungen lassen sich Zeit. Arbeitszeugnisse zu erstellen nehmen viele als lästige Verpflichtung wahr, vor der sie sich so lange wie möglich drücken. Schließlich gilt es, das Zeugnis einerseits wahr und andererseits wohlwollend abzufassen, um das berufliche Fortkommen des ehemaligen Mitarbeiters nicht zu behindern. Das kann manchmal einen Spagat bedeuten.

Interessante Forschungsergebnisse …

Die oben genannte Frage meiner Klienten führt in der Karriereberatung oft zu der Frage, wie eigentlich die Praxis in den Unternehmen aussieht, die eine Stelle besetzen wollen. Das haben die Betriebswirtschaftlerin Steffi Grau und Prof. Dr. Klaus Watzka kürzlich erforscht – mit ernüchternden Ergebnissen. Die Studie legt den Schluss nahe, dass die Anfertigung von Arbeitszeugnissen über weite Strecken nur noch ein sinnfreies Ritual ist: Viele Unternehmen führen schwache Leistungen oder unangemessenes Verhalten erst gar nicht auf, weil sie eine gerichtliche Auseinandersetzung vermeiden wollen. Mit der Pflicht zur Wahrheit nehmen sie es dann leider nicht so genau.

… und weitere Erfahrungen aus der Praxis

Aus meiner Sicht als Personalentscheiderin spielen deshalb die in Arbeitszeugnissen aufgeführten Beurteilungen von Leistung und Sozialverhalten heute nur noch eine untergeordnete Rolle bei der Personalauswahl. Viel wichtiger ist die Beschreibung der Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten. Darauf sollte jeder Beschäftigte achten, wenn er ein Unternehmen verlässt. Eine korrekte Beschreibung des Werdegangs und der verschiedenen Positionen ist dann besonders wichtig, wenn man lange im selben Betrieb tätig war. So kann der Adressat der Bewerbung aus dem Zeugnis ersehen, ob eine gewisse Entwicklung im Verlauf der Betriebszugehörigkeit stattgefunden hat oder ob ein Bewerber über viele Jahre auf ein und derselben Position gearbeitet hat.

Wer verschiedene Positionen im Unternehmen innehatte, sollte darauf achten, dass im Zeugnis die Dauer explizit benannt ist. Anhand dieser Angaben kann das Unternehmen bereits bei der Vorauswahl entscheiden, ob ein Bewerber die fachlichen Voraussetzungen für die zu besetzende Stelle mitbringt.

Zudem erwarte ich als Personalentscheiderin, dass im Zeugnis ausgeführt wird, aus welchem Grund das Arbeitsverhältnis beendet wurde. Hat der Mitarbeiter gekündigt oder wurde ihm gekündigt? Das sind Punkte, die ich in einem Bewerbungsgespräch gezielt ansprechen kann.

Referenzen und Netzwerke

In vielen anderen Ländern – und damit auch in vielen international aufgestellten Unternehmen – ist es heute schon üblich, nach Referenzen zu fragen. Bewerber sollten deshalb an ihrem bisherigen Arbeitsplatz jemanden finden, der bereit ist, eine positive Referenz zu verfassen. Es sollte jemand sein, mit dem sie wenigstens mittelbar zusammengearbeitet haben.

Erkenntnisse über Bewerber lassen sich auch in sozialen Netzwerken gewinnen. Nicht wenige Unternehmen schauen sich gezielt die Accounts interessanter Kandidaten bei Facebook, Twitter und Instagram, bei Xing und Linkedin, bei Flickr und Google+ an. Auch ein privat betriebenes, aber öffentliches Blog kann zu einem positiven oder negativen Eindruck beitragen.

Alles in allem ist das Arbeitszeugnis heute also nur noch eine Quelle unter vielen, um einen Bewerber schon vor dem ersten persönlichen Kontakt einschätzen und einordnen zu können.