Mitarbeiter zieht sich zurück

In der Serie „Unter vier Augen mit dem Coach“ beantworte ich Fragen meiner Klientinnen und Klienten. Im sechsten Teil sucht eine Teamleiterin das Gespräch, weil sie richtig auf das veränderte Verhalten eines Mitarbeiters reagieren möchte.

Ich mache mir Sorgen um einen älteren Mitarbeiter von mir. Seine Frau ist seit vielen Jahren schwer krank, und er kümmert sich rührend um sie. In letzter Zeit zieht er sich am Arbeitsplatz immer mehr zurück. Zum Beispiel schließt er oft die Tür zu seinem Büro, was bei uns nicht üblich ist. Auch nimmt er nicht mehr an den gemeinsamen Mittagessen in der Kantine teil. In Teambesprechungen wirkt er abwesend und schweigt meistens. Seine Aufgaben erledigt er nach wie vor gut und zuverlässig. Aber niemand kommt an ihn heran. Das ganze Team macht sich Gedanken und würde gerne etwas tun. Aber was?

Weil Sie die Lebensumstände Ihres Mitarbeiters kennen, vermuten Sie, dass das geänderte Verhalten private Gründe hat. Dass er sich der Kommunikation mit dem Team entzieht, kann auch viele andere Ursachen haben.

Das Gespräch suchen

Klären können Sie dies nur in einem Gespräch mit dem Mitarbeiter. Dazu ist es wichtig, zunächst Ihre Beziehung zueinander zu reflektieren. Hat Ihr Mitarbeiter Vertrauen zu Ihnen? Sind in Ihrem Team Gespräche mit Ihnen unter vier Augen üblich? Gab es in letzter Zeit Situationen, in denen Sie unzufrieden mit Ihrem Mitarbeiter waren? Wird es Ihren Mitarbeiter beunruhigen, wenn Sie ihn um ein persönliches Gespräch bitten? Um ihn nicht unnötig zu verunsichern, sollten Sie ihm mit der Einladung mitteilen, worum es Ihnen geht.

Beschreiben, nicht bewerten

Sagen Sie Ihrem Mitarbeiter in dem Gespräch, dass Sie mit seiner Leistung zufrieden sind, sich aber wegen seines veränderten Verhaltens Sorgen machen. Beschreiben Sie, was Sie in der letzten Zeit wahrgenommen haben, aber bewerten Sie sein Verhalten nicht. Beschreiben heißt zum Beispiel: „Mir ist aufgefallen, dass Sie sich in den Teambesprechungen kaum noch beteiligen.“ Bewerten würde heißen: „Sie wirken abwesend.“ Dieser Unterschied ist wichtig für eine offene Gesprächsatmosphäre.

Ein möglicher Gesprächsverlauf

Dann sollten Sie Ihr Anliegen erklären: „Ich mache mir Sorgen um Sie, weil Sie sich anders verhalten als bisher. Deshalb möchte ich gern erfahren, woran es liegt. Wenn es durch mich oder das Team verursacht ist, würde ich gerne etwas dagegen tun.“ Vielleicht wird er nur knapp antworten: „Nein, es liegt nicht an Ihnen und dem Team.“ Laden Sie den Mitarbeiter ein: „Mögen Sie mir sagen, voran es dann liegt? Sie können sich darauf verlassen, dass alles unter uns bleibt.“ Auch jetzt könnte er abwehren: „Ich möchte nicht darüber sprechen. Es ist privat!“ Dann sollten Sie ihm ein Angebot machen: „Können ich oder das Unternehmen denn irgendetwas tun, um ihre private Situation zu verändern?“ Wenn der Mitarbeiter sich Ihnen gegenüber weiterhin verschließt, drängen Sie ihn nicht. Sagen Sie ihm jedoch, dass Sie jederzeit offen sind für ein vertrauliches Gespräch.

Gemeinsam Lösungen entwickeln

Vielleicht verläuft das Gespräch auch ganz anders und der Mitarbeiter erzählt Ihnen, was ihn bedrückt. Wenn er offen ist für Ihre Unterstützung, erarbeiten Sie gemeinsam Lösungen, die seine Situation verbessern. Geben Sie ihm Zeit, seine eigenen Ideen und Vorschläge zu entwickeln, denn nur er selbst weiß, was gut für ihn ist.

Solche Gespräche zu führen, gehört sicher zu den eher schwierigen Aufgaben einer Führungskraft. Denn sie sind eine Gratwanderung: Wie intensiv mische ich mich in die privaten Angelegenheiten meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein? Überschreite ich eventuell auch Grenzen? Im Coaching erlebe ich immer wieder, wie sehr persönliche Dinge in den Arbeitsalltag hineinwirken. Eine gute Führungskraft blendet die private Seite der Beschäftigten nicht aus. Sie ist deshalb auch für persönliche Sorgen ansprechbar und bietet Unterstützung bei der Suche nach Lösungen an. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.