Konflikte lösen!

Vor einiger Zeit habe ich wieder Coaches und Mediatoren ausgebildet. Neben der Theorie sollte die Praxis nicht zu kurz kommen. Wir haben deshalb konkrete Fälle aus dem Berufsalltag der Teilnehmer in Rollenspielen bearbeitet.

Dabei wurde deutlich, dass Konflikte häufig als Störung im vorgesehenen Ablauf bewertet werden. Jede Auseinandersetzung, jede Kontroverse, jeder Streit wird deshalb vermieden. Manche Menschen haben sogar regelrecht Angst vor Konflikten. Schon der Gedanke an eine Meinungsverschiedenheit löst bei ihnen Furcht und Unbehagen aus. Sie bemühen sich, Frieden um jeden Preis zu wahren und halten sich aus allem heraus, was auch nur entfernt an eine Unstimmigkeit erinnern könnte. Das können auch Führungskräfte sein. Wenn sie über ihr Team oder ihre Organisation sprechen, verkünden sie stolz: „Wir sind wie eine große glückliche Familie. Alle kommen bestens miteinander aus. Probleme kennen wir nicht.“ Eine solche Aussage muss jeden Mediator und jeden Coach sofort hellhörig werden lassen. Denn allzu oft trügt der schöne Schein.

Folgen der Konfliktvermeidung

Werden Konflikte nicht ausgetragen, hat das vorhersehbare Folgen.

Ressentiments entstehen: Ungelöste Konflikte führen dazu, dass sich allmählich Ressentiments herausbilden. Irgendwann kommt der angestaute Groll zum Ausbruch, und zwar mit einer Heftigkeit, die in keinem Verhältnis zum aktuellen Anlass steht.

Die Gefühle werden auf andere übertragen: Der leitende Angestellte, der im Büro jedem Konflikt aus dem Weg geht, wird seinen Groll möglicherweise zu Hause abreagieren. Dann macht er seiner Frau Vorwürfe, ist ungeduldig mit den Kindern, schimpft den Hund aus.

Die Unzufriedenheit wird spürbar: Ein sicheres Anzeichen für ungelöste Konflikte in einer Organisation ist die vergiftete Atmosphäre. Kritik wird vor allem hinter dem Rücken der Betroffenen geäußert, es wird geklatscht und getratscht, und es wird übermäßig gemurrt und gemeckert.

Die gute Seite der Konflikte

Dass Konflikte zum Leben dazugehören und in zwischenmenschlichen Beziehungen unvermeidlich sind, ist eine Binsenweisheit. Dass sie sogar positive Seiten haben, ist allerdings den wenigsten Menschen bewusst.

Konflikte machen das Leben interessanter: Sie durchbrechen die gemütliche Routine des Alltags. Konstruktive Auseinandersetzungen machen Beziehungen lebendig. Meinungsverschiedenheiten können zu enorm lebhaften und spannenden Gesprächen führen.

Konflikte fördern Kreativität: Die Beteiligten erfahren, dass andere Menschen eine Situation ganz unterschiedlich sehen und bewerten. Das Problem einmal aus dem Blickwinkel der Gegenseite zu betrachten, vertieft das Verständnis für einander. Und es erhöht die Chance, gemeinsam eine neue kreative Lösung zu finden.

Konflikte führen zu besseren Entscheidungen: Meinungsverschiedenheiten und Kontroversen zwingen die Beteiligten, eine Entscheidung sorgfältig zu durchdenken, widersprüchliche Alternativen durchzuspielen und sich erst dann für eine Lösung zu entscheiden.

Konflikte sind das Bungeejumping im Betrieb

Konflikte können Spaß machen – wenn sie fair ausgetragen, nicht überdramatisiert und nicht zu verbissen gesehen werden. Viele Menschen betreiben riskante Sportarten wie Bungeejumping oder Drachenfliegen. Sie beteiligen sich an aufregenden Wettkämpfen und Spielen, unterziehen sich harten Survival-Trainings und sehen sich nervenkitzelnde Filme an. Sie tun das, weil sie Spannung und Aufregung erleben und genießen wollen. Jeder Konflikt bietet – ganz kostenlos – diese Herausforderung.

Worum es in Konflikten gehen kann, davon handelt der nächste Blogbeitrag.