Schon seit Jahren habe ich immer wieder mit Klienten zu tun, die wegen Stress und Überlastung längere Zeit krankgeschrieben waren oder akut davon betroffen sind. Als Coach kann ich jemanden bei einem Burnout nur sehr begrenzt unterstützen. Hier ist vor allem therapeutische Hilfe notwendig. Aber ich bin nach solchen Coaching-Stunden oft nachdenklich, weil ich davon überzeugt bin, dass Burnout nicht sein muss. Eine steile These, ich weiß. Aber vielleicht folgen Sie ihr nach der Lektüre.

Unternehmen pflegen eine Kultur der Außerdarstellung

In Berichten, Broschüren und auf der Homepage werden sie gehuldigt: Die Mitarbeiter seien das wertvollste Gut des Unternehmens, heißt es da, die treibende Kraft hinter dem Erfolg. Wahlweise sind sie auch die Basis des Erfolgs, das Erfolgspotential und sowieso die wichtigste Ressource. Manchmal werden sie auch als das Herz der Firma bezeichnet. In trauter Einigkeit beschwören alle, dass das Ziel ihres Personalmanagements der zufriedene Mitarbeiter sei, der engagiert und motiviert die Stärke des Betriebs ausmache. Hier wird deutlich: Außendarstellung ist Marketing.

Harte Landung nach schwerer Krankheit

Im Coaching schildern meine Klienten die Realität im Unternehmen. Da gibt es zwar ein Betriebliches Eingliederungsmanagement für Mitarbeiter, die nach einer langen Erkrankung wieder in die Firma zurückkehren. Aber es wird dazu genutzt, ihnen vermeintlich stressarme und definitiv unattraktive Aufgaben zu übertragen. Unter vier Augen wird der Führungskraft zu verstehen gegeben, dass der Mitarbeiter dann hoffentlich bald von selbst nach einer neuen Stelle suche und kündige. Einig sei man sich doch, dass Menschen nach einem Burnout oder einem Herzinfarkt nie wieder die alte Leistungsfähigkeit erlangen würden. Also sei es besser, wenn stattdessen so schnell wie möglich ein neuer Leistungsträger auf die Stelle käme.

Die Kultur des Wegschauens

In vielen Unternehmen hat sich eine Kultur des Wegschauens etabliert. Nur so ist die oben beschriebene Haltung zu erklären. Wer wegschaut, sieht nicht, dass Mitarbeiter, die wegen Überlastung und Erschöpfung ausfallen, zuvor ein enorm hohes Arbeitspensum bewältigt haben. Dass sie morgens als erste gekommen und abends als letzte gegangen sind, immer mehr Aufgaben übernommen und manch ein Wochenende in der Firma oder am heimischen Schreibtisch verbracht haben. Er sieht ebenso wenig, dass mit jedem Mitarbeiter, der die Firma verlässt, wertvolles Knowhow verloren geht. Und dass es schwierig und langwierig sein kann, die passende Fach- oder Führungskraft für eine Nachfolge zu finden. Wer als Unternehmer oder Vorgesetzter wegschaut, hört auch weg. So bekommt er nicht mit, dass die Unzufriedenheit mit permanentem Leistungsdruck, Arbeitsüberlastung und ständigen Umstrukturierungen längst Thema auf den Fluren, in der Werkshalle, an den Kaffeeautomaten und beim Mittagessen ist.

Wir brauchen eine Kultur des Hinschauens …

Jeder Unternehmer und jede Führungskraft hat eine Fürsorgepflicht. Diese kann er nur wahrnehmen, wenn er hinschaut. Nur dann sieht er, ob das verlangte Arbeitspensum von den Beschäftigten tatsächlich erbracht werden kann. Dann nimmt er wahr, ob ein Mitarbeiter sich mit seinen eigenen hohen Ansprüchen überfordert und permanent seine Belastungsgrenze überschreitet. Wer hinschaut und hinhört, bemerkt frühzeitig Veränderungen in der Leistung und in der Stimmung im Team. Wer hinschaut, kennt auch die Zahlen und weiß, wie teuer ein hoher Krankenstand für das Unternehmen ist und wie schwer es durch den Fachkräftemangel ist, gute Mitarbeiter zu finden.

… und eine nachhaltige Führungskultur

Ein Unternehmen, das seine Mitarbeiter wirklich schätzt und als wichtigste Ressource begreift, tut alles, damit diese sich nicht überlasten und überfordern. Die Mitarbeiter werden darin unterstützt, auf sich selbst zu achten, die Belastungsgrenzen zu erkennen und frühzeitig anzusprechen. Die Führungskräfte in einem solchen Unternehmen kennen und leben das Prinzip der gesunden Führung: Sie haben das Arbeitspensum ebenso im Blick wie die Überstunden, die jemand leistet. Sie genehmigen den dreiwöchigen Erholungsurlaub ohne Stirnrunzeln. Sie vereinbaren mit dem Team die auf Notfälle beschränkte Erreichbarkeit außerhalb der regulären Arbeitszeit und besprechen, was eine gute Leistung ausmacht. Sie wissen zu verhindern, dass Mitarbeiter sich mit ihren eigenen hohen Ansprüchen überfordern. Sie wissen auch, dass das Nein eines Mitarbeiters zu einer zusätzlichen Aufgabe kein böser Wille ist, sondern eine gesunde Selbstfürsorge. Sie erkennen die Anzeichen eines Burnouts und wissen, wie sie gegensteuern können. Sie sind Vorbild und haben auch ihre eigenen Belastungsgrenzen im Blick.

Eine solche nachhaltige Führungskultur zieht sich durch alle Ebenen der Hierarchie, wenn es ein wirkliches Unternehmensziel ist, gesunde und leistungsbereite Mitarbeiter zu haben. In der heutigen Arbeitsmarktsituation ist das in meinen Augen unverzichtbar.