Das innere Team gut aufstellen

Vor einiger Zeit kam eine junge Frau zu mir, die vor einem halben Jahr ein eigenes Unternehmen gegründet hatte. Die Geschäfte entwickelten sich nicht so wie erwartet. Ihr fiel es insbesondere schwer, auf potenzielle Kunden zuzugehen. Gemeinsam schärften wir die Zielgruppe, verfeinerten die Produktpalette und entwarfen eine Vertriebsstrategie. Alles schien auf einem guten Weg.
Allerdings fiel mir auf, dass meine Klientin die mit sich selbst geschlossenen Vereinbarungen oft nicht einhielt. Beim nächsten Termin sprach ich das an. Und dann brach es aus ihr heraus:

Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Nach unseren Treffen bin ich immer voller Tatendrang und Energie. Aber sobald ich wieder im Büro oder zuhause bin, fühle ich mich wie ein Ballon, aus dem die Luft einfach wieder entweicht. Außerdem schaffe ich meistens viel weniger, als ich mir vornehme. Oft sind es die Kinder, die meine ganze Aufmerksamkeit fordern, und dann stelle ich die beruflichen Dinge doch wieder zurück. Ich bin immer so hin- und hergerissen!

Viele Seelen in unserer Brust

In jedem Menschen stecken verschiedene Persönlichkeitsanteile und Bedürfnisse. In unserem alltäglichen Handeln und vor allem in Entscheidungsprozessen machen sie sich als innere Stimmen bemerkbar. Oft sind sie widersprüchlich und verwirrend. Die innere Zerrissenheit hat der Hamburger Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun ausführlich erforscht. Die Stimmen in unseren Auseinandersetzungen mit uns selbst nennt er „Das innere Team“. Dort gibt es zum Beispiel den Begeisterten und die Kritikerin, den Antreiber und die Bequeme, den Fürsorglichen und die Ehrgeizige, den Bewahrer und die Visionärin und viele mehr. Das von Schulz von Thun entwickelte Modell nutze ich im Coaching gerne, um innere Widerstände bewusst zu machen und Lösungen zu finden.

 

Nicht alle ziehen an einem Strang

Das innere TeamBei meiner Klientin vermutete ich, dass in ihrem inneren Team ein Mitglied war, das ihre Vorhaben immer wieder boykottierte. Ich stellte ihr deshalb das Modell vor und schlug vor, ihr inneres Team sichtbar zu machen. Meine Klientin konnte ihre verschiedenen Teammitglieder schnell benennen. Mit Holzfiguren baute sie das innere Team auf einem Brett auf – und war überrascht über die Größe ihres „inneren Unternehmens“. Ebenso überrascht war sie, als sie feststellte, wie sehr die einzelnen Mitglieder – als Symbole für ihre eigenen unterschiedlichen Bedürfnisse – in verschiedene Richtungen strebten.

 

Die inneren Stimmen kennenlernen

Im nächsten Schritt ging es deshalb darum, ein „inneres Ziel“ zu benennen und aus den einzelnen Mitgliedern ein gut aufgestelltes Team zu machen, das in verschiedenen Situationen angemessen agieren kann. Ein solches Team kann meine Klientin unterstützen, ihre Pläne umzusetzen und als Geschäftsfrau erfolgreich zu sein. Dazu analysierten wir den Einfluss die Stimmen innerhalb des Teams: Welche Stimme ist besonders laut, welche ist eher leise? Wer arbeitet gegen wen? Wer verbündet sich mit wem? Welche Stimme gibt Kraft? Und welche kostet Kraft? Nachdem diese Struktur klar war, können wir überlegen, wie aus dem „zerstrittenen Haufen“ ein funktionierendes Team werden könnte: Was braucht der innere Kritiker, um zufrieden zu sein? Mit welcher Belohnung lässt sich der „faule Hund“ hinterm Ofen hervorlocken? Und ist der „kühle Kopf“ wirklich der Richtige, um die Teamziele im Blick zu behalten?

Handbuch für das innere Team

Nach und nach entwickelten meine Klientin und ich ein „Handbuch für den Umgang im inneren Team“. Was vielleicht etwas ungewöhnlich klingt, hat meiner Klientin auf ihrem Weg zur erfolgreichen Unternehmerin sehr geholfen. Seitdem sie ihr inneres Team kennt, kann sie mit Widerständen und Störungen selbstbewusst umgehen – und der Tatendrang nach unseren Beratungsgesprächen verpufft nicht mehr.